Geschichte der Johannes-Brahms-Schule

Von Bernd Sticklies

Mittwoch, der 29. November 1961, war ein denkwürdiger Tag in der Geschichte der Stadt Pinneberg. Das Schulgebäude des ersten Gymnasiums wurde eingeweiht. Ein seit Anfang der 50er Jahre geführter Kampf war zu Ende. Walter Richter, Stadtrat der SPD 1946-1970, schrieb 1974 recht einseitig von einem Kampf zwischen einem die Finanzen der Stadt achtsam hütenden Bürgermeister Henry Glissmann und "keine Verantwortung tragenden Befürwortern der Oberschule nur um des Prestiges als Kreisstadt willen" Die Verdoppelung der Einwohnerzahl Pinnebergs durch den Flüchtlingsstrom und damit auch der Kinder, die Oberschulen besucht hatten, der Wille von immer mehr Eltern, auch aus den Nachbargemeinden, ihre Kinder auf eine höhere Schule zu schicken, hatten Ende 1945 dazu geführt, dass seitens der Stadt Pinneberg ein Bedürfnis nach einer höheren Schule gesehen wurde.

Da aber entsprechende Räumlichkeiten fehlten, die finanzielle Leistungsfähigkeit der Stadt nicht gegeben und eine grundlegende Neustrukturierung des Schulwesens nicht auszuschließen war, blieben die Überlegungen, in Pinneberg eine höhere Schule zu schaffen, im Ansatz stecken. Doch die Zahl der Fahrschüler nach Hamburg, Uetersen und Elmshom wuchs. Am 6.7.1950 bat Studienrat Reichstein die Stadt," anlässlich des bevorstehenden 75-jährigen Stadtjubiläums den Plan zur Errichtung einer Oberschule für Jungen und Mädchen in Pinneberg für das kommende Schuljahr 1951/52 zu erwägen, beraten und zu beschließen."

Ein Unterausschuss des städtischen Schulausschusses, Errichtung einer höheren Schule in Pinneberg" nahm sich der Sache an, ließ den Bedarf und die Kosten ermitteln. Am 8.11.1950 entstand unter dem Vorsitz des Rechtsanwalts Ludwig der "Schulverein Oberschule Pinneberg", eine Bürgerinitiative von interessierten Eltern und Bürgern. Schulverein und Unterausschuss versuchten gemeinsam, die Angelegenheit zu beschleunigen. Notfalls war man bereit, eine gemeindliche Oberschule aufzubauen.

Das Volksbildungsministerium in Kiel legte sich eindeutig fest: Die Notwendigkeit der Errichtung einer höheren Schule in Pinneberg werde anerkannt, sie sei jedoch nicht lebensnotwendig, Pinneberg müsse einen Schulneubau selbst finanzieren. Im Februar 1951 hieß es dann deutlicher: "An zwei so eng benachbarten Orten (gemeint waren Uetersen und Pinneberg) höhere Schulen einzurichten, ist nicht möglich." Die Unbeugsamkeit des Ministeriums ließ es dem Schulverein ratsam erscheinen, den Druck zu erhöhen.

Auf der ersten öffentlichen Veranstaltung am 1.7.1952 wiederholte Bürgermeister Glissmann die Position der Stadt, dass die Kreisstadt den Bau und die Unterhaltung einer Oberschule nicht allein übernehmen könne und dass der Bau einer Mittelschule und einer Volksschule vorrangig seien. Rechtsanwalt Ludwig versicherte, dass die Errichtung einer Oberschule zwar niemals auf Kosten der Volks- und Mittelschulen gehen dürfe, eine Rangfolge der Schulsysteme aber abzulehnen sei.

Studienrat Reichstein verwahrte sich gegen den Standpunkt, dass die höhere Schule ein Privileg höherer Einkommensschichten sei. Der Einfluss solcher ideologischer Vorbehalte gegen das höhere Schulwesen auf den damaligen Entscheidungsfindungsprozess in Pinneberg lässt sich nicht leugnen. Dr. med. Werner wies auf die gesundheitlichen Belastungen der Fahrschüler hin.

Im Herbst 1952 warteten annähernd 500 Oberschüler täglich am Pinneberger Bahnhof auf Züge, die sie zum Schulbesuch nach Hamburg, Uetersen und Elmshom bringen sollten. Angesichts dieser Zahl wandte sich der Schulverein am 11. Oktober 1952 erneut an das Kultusministerium mit dem Kompromissvorschlag eines stufenweisen Aufbaus der Oberschule in Pinneberg, falls die Errichtung in einem Zuge nicht möglich sei.

Unter dem Einfluss dieser Initiative und der Raumnot in den Oberschulen in Uetersen und Elmshorn bewegte sich das Ministerium. Im Frühjahr 1953 erschien der stufenweise Aufbau einer Oberschule in Pinneberg zunächst als Außenstelle der Ludwig-Meyn-Schule in Uetersen greifbar nahe.

Die Stadt Pinneberg erklärte sich trotz ihres Wunsches nach einer staatlichen Oberschule bereit, die sächlichen Kosten für die Einrichtung einer Sexta ab dem Schuljahr 1953/54 zu tragen. Die Eltern stimmten trotz schwerwiegender Bedenken einem reinen Nachmittagsunterricht in der Schule am Kirchhofsweg zu, da die Pinneberger Schulen überbelegt waren. Doch Anfang März forderte das Kultusministerium entgegen allen bisherigen Absprachen, dass die Stadt außer den Sachkosten für die Außenstelle auch 25% der Personalkosten tragen solle. Dazu sah sich die Stadt Pinneberg auch im Hinblick auf die Folgekosten durch den Bau und die Unterhaltung einer Oberschule nicht in der Lage.

Von einer vom Land gebauten und zu unterhaltenden staatlichen Oberschule war aufseiten Kiels nicht mehr die Rede. 1953 und 1954 konnte dieser Rückschlag nicht überwunden werden. Keine Seite war zum Kompromiss bereit. Am 2. November 1954 wurde im Jugendheim der Stadt Wedel eine vorübergehende Außenstelle der Uetersener Oberschule mit zwei Wedeler Unterstufenklassen eingerichtet. Doch der Bitte von Pinneberger Eltern um Gleichbehandlung wurde von Kiel nicht entsprochen. Die Verkehrsverbindungen zwischen Wedel und Uetersen seien erheblich schlechter.

Neue Berechnungen ergaben im Frühjahr 1955 für eine vollausgebaute höhere Schule in Pinneberg eine Gesamtschülerzahl von rund 800 Jungen und Mädchen. Der Oberschulverein, seit Ende 1953 unter dem Vorsitz des Bauunternehmers Otto F. Karde, rief am 10.3.1955 die Stadt auf, eindeutig zu erklären, ob sie eine Oberschule wolle oder ob sie sich von Wedel überflügeln lassen wolle. Es sei einmalig in der Bundesrepublik, dass täglich eine ganze Schule - inzwischen waren es über 626 Fahrschüler - auf dem Bahnhof auf den Zug warten müsse. Die Stadt solle ohne Rücksicht auf die künftige Regelung der Kostenfrage die sächlichen und räumlichen Voraussetzungen dafür schaffen, dass ab Ostern 1955 in Pinneberg der Unterricht für eine Sexta und für eine Quinta beginnen könne.

Die Eltern waren nicht willens, weiteres Zögern der Stadtvertreter hinzunehmen - als solches wurde das Verhalten der Stadt inzwischen gewertet. Nun ging alles sehr schnell. Der Vertrag mit dem Land wurde am 13.4.1955 im Pinneberger Rathaus unterzeichnet. Pinneberg übernahm als Träger die sächlichen Kosten der Außenstelle Pinneberg der staatlichen Oberschule Uetersen und - wie schon 1953 vom Land gefordert, von der Stadt aber bisher stets abgelehnt - 25% der Personalkosten. Am 16.4.1955 begann der Unterricht der Klassen Sexta d mit 27 und Sexta e mit 29 Schülern provisorisch in der Volksschule am Kirchhofsweg, dann am 11.5.1955 im städtischen Jugendheim an der Mühlenstraße.

 

Teil 2: Von der Außenstelle zur Johannes - Brahms - Schule

In der Urkunde anlässlich der Grundsteinlegung zum Bau des Gymnasiums am 2. März 1960 heißt es unter anderem: "Dankbar gedenken wir der Tatsache, dass Tatkraft und Fleiß der Bürger eines freien Staates diesen Bau ermöglichen." Die Aussage würdigt in zutreffender Weise das Streben und Handeln all derer, denen die Entstehung und der Bau des ersten Gymnasiums in Pinneberg zu verdanken ist. Schon mit Beginn des Unterrichts im Frühjahr 1955 war klar, dass die Unterbringung der ersten Pinneberger Oberschulklassen im Geschwister-Scholl-Heim nur vorübergehend sein konnte. Der Schulbau im Schuldorf Quellental sollte deshalb vorangetrieben werden, um dort vorläufig Raum für weitere Klassen zu gewinnen. Die Errichtung eines eigenen Oberschulgebäudes war unausweichlich. Dennoch sollten noch einmal 6 Jahre vergehen, bis die Schülerinnen und Schüler am 2. Mai 1961 das neue Gebäude am Fahltskamp 36 beziehen konnten. Was waren die Gründe?

Am 28. August 1956 erfolgte der Umzug der nunmehr zwei Sexten und zwei Quinten in vier zusätzlich gebaute Klassenräume in der inzwischen fertiggestellten Matthias-Claudius-Schule in Pinneberg-Quellental. Für Ostern 1957 zeichnete sich ein neuer Engpass ab. Im Dezember 1955 hatte die Stadt zwar die im Juni 1953 begonnenen Grundstücksverhandlungen mit Herrn Dr. Wupperman erfolgreich abschließen können. Er verkaufte von seinem Park einschließlich des Hauses Fahltskamp 36 etwa 1,5 ha zum Preis von 116.700 DM. Doch außer dem Grundstückserwerb gab es in der Frage des Neubaus des Gymnasiums - die Oberschulen wurden ab 1957 in Gymnasien umbenannt - keine weiteren Fortschritte. Die bevorstehende Verabschiedung des Schulunterhaltungs- und Verwaltungsgesetzes behinderte das Vorhaben. Elternschaft und Oberschulverein wurden erneut unruhig, zumal ein Gerücht besagte, dass Ostern 1957 die neuen Sexten in Pinneberg eingeschult würden, dafür aber die künftigen Quarten zur Vermeidung eines regelrechten Schichtunterrichts nach Uetersen verlegt werden müssten. Die Aufregung legte sich erst, als Ende März den Gymnasialklassen neben den vier bisherigen Räumen ein weiterer Raum der Mittelschule und das spätere Lehrerzimmer der neuen Volksschule im Quellental als Klassenräume zugesagt wurden. Im Schuljahr 1958/59 sollten auch Grundschul-Pavillonklassen zur Verfügung stehen. Am 1. Oktober 1958 unterrichteten im Gymnasium 17 Lehrer 8 Klassen in 8 Räumen des Schuldorfs Quellental mit 281 Schülern (Frequenz 35). Vom 1. Februar 1960 bis zum 30. April 1961 mietete die Stadt zusätzlich eine Baracke mit 3 Klassenräumen und Lehrerzimmer auf dem Kasernengelände an.

Vorausberechnungen hatten schon 1957 gezeigt, dass die Fertigstellung der Oberschule bis spätestens 1960 unabdingbar war. Es gab keinen anderen Weg mehr, dem dringenden Raumbedarf der Schule abzuhelfen. Im Mai 1957 wurden entsprechende Vorbereitungen - Erstellung des Raumprogrammes -Durchführung eines internen Architektenwettbewerbs und Lösung der Gesamtfinanzierung - jäh abgebrochen. Das Kieler Innenministerium hatte die Stadt Pinneberg unter Hinweis auf ihre schwache Finanzlage gewarnt, die Trägerschaft für das zu bauende Gymnasium zu übernehmen. Das Kasernenräumungsprogramm, darunter der Bau einer Volksschule in Quellental einschließlich Turnhalle, hatte die Finanzen der Stadt außerordentlich strapaziert, so dass die Stadt Pinneberg ihren Finanzierungsbeitrag auf die laufenden sächlichen Kosten und das baureife Grundstück einschließlich Aufschließungskosten beschränken wollte.

Die Baukosten und die Einrichtung der Schule sollten danach voll vom Land und Kreis getragen werden. Das Land konnte nur eine Beteiligung in Höhe von 67% zusagen. Der Kreis Pinneberg lehnte einen 33-prozentigen Zuschuss ab, verwies auf ähnliche Projekte in Wedel und Garstedt/Quickborn und war deshalb höchstens zu 20% bereit. In Presseveröffentlichungen machte der Oberschulverein im Frühjahr 1958 die Stadt für die neuerliche Verzögerung verantwortlich.

Die Stadt wehrte sich und verwies auf die Haltung des Landes. Der seit März 1958 bestehende Elternbeirat übernahm unter dem Vorsitz des Apothekers Arndt in enger Zusammenarbeit mit dem Oberschulverein die Initiative. Angesichts der Unruhe drängte nun auch die Stadt energisch auf eine Entscheidung. Am 22. Mai 1958 kamen Vertreter der Landesregierung unter Führung des Kultusministers Osterloh höchst persönlich, Vertreter des Kreises und der Stadt sowie Apotheker Arndt als Vertreter des Elternbeirates zu entscheidenden Beratungen im Pinneberger Rathaus zusammen.

Die Geschichte dieser Verhandlungen liest sich wie eine Wiederaufnahme längst geschlagener Schlachten um die Trägerschaft und die Finanzierung des Gymnasiums. Nach längerem Tauziehen hinsichtlich des prozentualen Anteils an den Baukosten und dem Abrücken aller Beteiligten von ihren Ausgangspositionen wurde folgender Kompromiss erzielt: Pinneberg übernahm die Sachträgerschaft. Die Gesamtbaukosten von über 4 Millionen Mark teilten sich das Land (75%), der Kreis (15%, davon 5% als unverzinsliches Darlehen, rückzahlbar in 10 Jahren) und die Stadt (10%). Die Stadt stellte außerdem den Bauplatz zur Verfügung und übernahm die Erschließungskosten außerhalb des Grundstückes.

Ein Architektenwettbewerb im Umfang von 18 Klassen mit Sonderräumen unter Einschluss von Aula und Turnhalle wurde ausgeschrieben. Die Architekten sollten eine Erweiterung des vorgesehenen Umfanges um etwa 6 Klassen berücksichtigen. Am 14. Januar 1959 empfahl das Preisgericht der Stadt Pinneberg den mit dem 1. Preis ausgezeichneten Entwurf der Architekten BDA Dipl. Ing. D. Bolz und Dipl. Ing. K. Detlefsen aus Kiel zur Ausführung. Dennoch entschied sich die Stadtvertretung in einer öffentlichen Sitzung am 13. Februar 1959 einstimmig dafür, zwischen den Preisträgern der Preise 1 und 4 eine Architektengemeinschaft zu bilden und von dieser dann gemeinsam einen neuen Entwurf mit einem Bauvolumen von 24 Klassen aus den vorhandenen Preisen 1 und 4 erarbeiten zu lassen. Durch diese Entscheidung kamen die Pinneberger Architekten BDA K. Groth und H.J. Meier doch noch zum Zuge. Am 19. Februar 1960 konnte endlich mit den Bauarbeiten für das Hauptgebäude begonnen werden.

Der "Schulverein Oberschule Pinneberg" hatte seine Aufgabe nun endgültig erfüllt. An seine Stelle trat am 27. Januar 1960 der Verein "Freunde des Gymnasiums in Pinneberg e.V.". Am 4. Juni 1959 war die bisherige Zweigstelle des Ludwig-Meyn-Gymnasiums Uetersen als "Gymnasium i.A. (im Aufbau) Pinneberg" selbständig geworden. Am 2. Mai 1961 bezogen die Schülerinnen und Schüler das neue Schulgebäude. Die Turnhalle und die Außenanlagen wurden erst zur Einweihung am 29. November 1961 fertig. In der Feierstunde gab Bürgermeister Glissmann im Auftrag der Stadtvertretung dem Gymnasium "mit Gott für alle Zeiten" den Namen "Johannes-Brahms-Schule".

Pinneberger Tageblatt 11.2.2002